
dw.com · Mar 1, 2026 · Collected from GDELT
Published: 20260301T130000Z
In einem sind sich fast alle Beteiligten einig: Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in gut einem Jahr aus dem Amt scheidet, sollte eine Frau ihm an der Spitze des Staates nachfolgen. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik. Denn bislang übten insgesamt zwölf Männer diese Funktion aus. Jetzt also soll es eine Frau sein. Gewählt wird am 30. Januar 2027 in Berlin. Merz will im September einen Namen nennen Nach seiner Wiederwahl zum CDU-Parteichef, zum Vorsitzenden der deutschen Konservativen, äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz dazu kürzlich im Sender Phoenix. Merz sagte, er wolle gemeinsam mit Spitzenvertretern des kleineren Koalitionspartners, der Sozialdemokraten, im September dazu einen Vorschlag machen: "Ich möchte, dass wir eine Persönlichkeit in dieses Amt wählen, die das Land in der ganzen Breite repräsentiert." Diese Person müsse den Menschen Orientierung geben, auch in schwierigen Zeiten, so der deutsche Regierungschef. Ob Mann oder Frau, darauf ließ sich Merz nicht festlegen. Wie funktioniert die Bundesversammlung? Der Termin im September ist bewusst gewählt. Denn dann finden in zwei Bundesländern die letzten Landtagswahlen in diesem Jahr statt. Erst dann wird feststehen, wie genau die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung aussehen.Die Bundesversammlung, die 2022 den damaligen Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier erneut wählte, tagte unter Corona-BedingungenBild: Britta Pedersen/dpa/picture alliance Dieses Gremium tritt nur zusammen, um ein neues Staatsoberhaupt zu wählen. Und es besteht aus allen Abgeordneten des Bundestages, zurzeit sind es 630, und noch einmal der gleichen Anzahl von Personen, die aus den 16 deutschen Landtagen in die Bundesversammlung geschickt werden. Das können Landespolitiker sein, aber auch verdiente Bürger, etwa Sportler oder Künstler. Zur Wahl für das höchste deutsche Staatsamt können sich alle Deutschen aufstellen lassen, die mindestens 40 Jahre alt sind. Angela Merkel möchte nicht antreten Viele Sozialdemokraten haben bereits früh gesagt, es solle diesmal eine Frau sein, auch die oppositionellen Grünen finden die Idee gut. Und haben bereits einen Vorschlag gemacht, der aber wenig realistisch ist.Im April 2023 verlieh der Bundespräsident der früheren Kanzlerin Merkel das Großkreuz des Verdiensts-Ordens des Landes - den Vorschlag, Steinmeiers Nachfolgerin zu werden, lehnte sie jetzt ab Bild: Michele Tantussi/REUTERS Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnte den Vorstoß der Grünen, sie zur Bundespräsidentin zu wählen, umgehend als "abwegig" ab. Der Vorschlag würde aber auch schon daran scheitern, dass Merz und Merkel eine langjährige Rivalität verbindet. Regierung handelt die Kandidaten aus Denn die Kandidatin oder der Kandidat für das höchste Amt wird von der Regierung nach Verhandlungen bestimmt und stellt sich dann zur Wahl. Der Bundeskanzler rangiert zwar formal hinter dem Staatsoberhaupt und der Präsidentin oder dem Präsidenten des Bundestages (derzeit Julia Klöckner, CDU) nur auf Rang drei der Staatsorgane, ist aber politisch das wichtigste Amt. Mit der Auswahl der Person, die den Staat nach innen und außen repräsentiert, kann die Regierung, kann der Bundeskanzler also ein wichtiges politisches Signal setzen. Und tut es in der Regel auch.Klöckner oder Aigner? Eher unwahrscheinlich Apropos Julia Klöckner: Der Name der streitbaren Präsidentin des deutschen Parlaments wird zwar immer wieder genannt, wenn jetzt die Debatte um die erste Bundespräsidentin beginnt. Aber Klöckner ist Sozialdemokraten, Linken und Grünen kaum zu vermitteln, zu polarisierend tritt sie mitunter als Präsidentin des Parlaments auf. Größere Chancen, auch bei der politischen Konkurrenz, auf Zustimmung zu stoßen, hätte da schon Ilse Aigner, Mitglied der CSU, die seit acht Jahren Präsidentin des bayerischen Landtages ist.Ein Bild - gleich zwei mögliche Kandidatinnen für das Amt des Staatsoberhaupts: Isle Aigner und Julia Klöckner (von links) bei den Bayreuther Festspielen im Mai 2025, rechts die frühere österreichische Landwirtschaftsministerin Elisabeth KöstingerBild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa Sie hat bewiesen, dass sie über Parteigrenzen hinweg Brücken bauen kann. Ihr Nachteil: Wird sie Staatsoberhaupt, sinken die Chancen des CSU-Parteichefs und bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gegen Null, irgendwann doch noch Bundeskanzler zu werden. Denn zwei mächtige Staatsposten für die kleine konservative Schwesterpartei der CDU in Berlin: Das ließe sich politisch nicht durchsetzen. Hat eine Frau mit jüdischen Wurzeln Chancen? Aber wer bietet sich ansonsten an? Immer wieder genannt wird der Name der jetzigen Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Sie findet ebenfalls Sympathien auch in anderen Parteien und wäre zudem die erste Person mit jüdischen Wurzeln an der Spitze des Staates. Ihre Großeltern überlebten den Holocaust.Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) im DW-Interview; ihre Chancen auf das Amt der Bundespräsidentin sind eher gering Bild: DW Prien wäre also ein mutiges Signal in Zeiten des stärker werdenden Antisemitismus in Deutschland. Ihr Nachteil: Sie repräsentiert den eher linken Flügel der konservativen CDU, der innerhalb der Partei unter Friedrich Merz kaum mehrheitsfähig ist. Auch eine Schriftstellerin wird vorgeschlagen.... Wie schwer es werden wird, eine geeignete Frau für das Amt zu finden, zeigt auch die Personalie Juli Zeh. Die bekannte Schriftstellerin und promovierte Völkerrechtlerin aus Brandenburg hat bereits Verwaltungserfahrung als ehrenamtliche Verfassungsrichterin in ihrem Bundesland. Sie gilt als streitbar und hat in ihrem Roman "Unterleuten" das Bild einer zerrissenen Gesellschaft in Ostdeutschland gezeichnet. In dem fiktiven Ort streitet die Dorfgemeinschaft über den Bau neuer Windanlagen. Dass Zeh aber tatsächlich als neues Staatsoberhaupt antreten könnte, gilt als nahezu ausgeschlossen, auch wenn der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sich das gut vorstellen könnte. Zeh selbst sagt dazu: "Nur vier Stunden schlafen, 7000 Termine am Tag - dafür habe ich weder die geistige noch die emotionale oder psychische Kondition." ...oder doch wieder ein Mann? Ein knappes Jahr vor der Neuwahl des deutschen Staatsoberhaupts ist also noch keine Kandidatin in Sicht, die sich das Amt zutraut oder Chancen auf eine Mehrheit hätte. Wird es am Ende dann doch wieder ein Mann? Noch haben Kanzler Friedrich Merz und Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) ein paar Monate Zeit für die Suche.