op-online.de · Feb 16, 2026 · Collected from GDELT
Published: 20260216T053000Z
StartseitePolitikStand: 16.02.2026, 04:46 UhrKommentareDer Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck fordert mehr Prävention in Deutschland. Das betreffe unter anderem eine höhere Tabaksteuer. Ein Gastbeitrag.Unser Gesundheitssystem steht vor einer demografischen Zäsur. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente. Millionen Beitragszahler scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus, während die Zahl älterer und chronisch kranker Versicherter steigt. Weniger finanzieren mehr. Und das dauerhaft. Gleichzeitig wird die Medizin leistungsfähiger und teurer. Die Ausgaben sind bereits auf Rekordniveau. Sparen wird notwendig sein. Aber Sparen allein wird dieses strukturelle Ungleichgewicht nicht auflösen. Hendrik Streeck sitzt seit 2025 im Deutschen Bundestag. Seine Stelle als Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn pausiert der Mediziner aktuell – und bekleidet das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. © Jon Lasse Schmitt/IPPEN.MEDIADerzeit heißt es, es dürfe keine Denkverbote geben. Das ist richtig. Aber Offenheit ersetzt keine Klarheit. Nicht jede erdachte Maßnahme ist auch eine gute Idee. Es gibt strukturelle Fehler, die sofort korrigiert werden müssen. Dazu gehören, dass versicherungsfremde Leistungen nicht durch die Schultern der Beitragszahler getragen werden dürfen: Eine Sozialversicherung finanziert versicherte Risiken. Sie ist kein Ersatzhaushalt für staatliche Aufgaben.Wenn gesetzlich Versicherte jedes Jahr Milliardenbeträge für die Krankenversicherung von Bürgergeldempfängern aufbringen müssen, weil der Bund die Beiträge nicht vollständig trägt, dann ist das eine Gerechtigkeitsfrage. Diese gesamtgesellschaftlichen Aufgaben gehören vollständig in den Steuerhaushalt. Andernfalls steigen die Lohnnebenkosten weiter, Arbeit wird verteuert, die Akzeptanz des Solidarprinzips leidet und Deutschland ist auf dem Weltmarkt bald ganz abgehangen. Wer das System stabilisieren will, muss hier und jetzt beginnen. Zur PersonHendrik Streeck, geboren 1977 in Göttingen, ist den meisten Deutschen als Virologe während der Corona-Pandemie bekannt. Der Mediziner saß im Corona-Expertenrat und in etlichen Talkshows. 2017 trat er in die CDU ein und sitzt seit 2025 im Deutschen Bundestag. Seine Stelle als Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn pausiert der Mediziner aktuell – und bekleidet das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen.Andere vorliegende Vorschläge lösen das Problem nicht, sondern verschieben es. Zahnmedizinische Leistungen zu privatisieren ist Schönrechnerei. Ob Behandlungen direkt bezahlt oder über Beiträge finanziert werden, ändert nichts an den Gesamtkosten. Werden Vorsorge und Behandlung aus Kostengründen unterlassen, folgen später schwerere und teurere Komplikationen. Kosten sinken nicht. Sie verschieben sich nur. Kostenkosmetik ist keine Reform.Ähnlich verhält es sich mit der Idee, Kapitalerträge, Dividenden, Zinsen oder Mieteinnahmen in die Beitragsbemessung einzubeziehen. Das bedeutet nicht nur eine spürbare Mehrbelastung dieser Einkommensarten, sondern ist im Grunde eine Ausweitung der Abgaben. Mehr Einnahmen lösen jedoch immer noch keine strukturelles Konstruktionsproblem. Sie verschieben es lediglich nach hinten.„Wir investieren den Großteil unseres Geldes in die Reparatur von Krankheit – nicht in deren Vermeidung“Die interdisziplinäre Finanzierungskommission von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken leistet wichtige Arbeit. Sie durchforstet ein System mit Ausgaben in dreistelliger Milliardenhöhe nach Ineffizienzen. Fehlanreize müssen korrigiert, Doppelstrukturen abgebaut, Vergütungssysteme neu ausgerichtet werden. In einem so großen System kostet jeder Prozentpunkt Milliarden. Besitzstandswahrung darf hier kein Argument sein. Doch selbst, wenn wir jede Effizienzreserve heben, bleibt ein grundlegender Fehler bestehen: Wir investieren den Großteil unseres Geldes in die Reparatur von Krankheit – nicht in deren Vermeidung. Wir optimieren die Werkstatt, aber wir verhindern nicht den Schaden.Hier liegt der blinde Fleck der Debatte. Sparen kann stabilisieren. Es verschafft Luft und verhindert kurzfristige Beitragssprünge. Aber Sparen beantwortet nicht die zentrale Frage: Warum entstehen diese Kosten überhaupt? Wir diskutieren über Milliarden Euro für Therapien. Was wir aber kaum diskutieren, ist, wie viele dieser Therapien vermeidbar wären. Erst wenn Prävention systematisch verankert wird, ändert sich die Logik des Systems. Dann geht es nicht mehr nur um Finanzierung, sondern endlich um Entstehung und damit die Wurzel des Problems.Es ist, als wollten wir bei den Kosten der Unfallmedizin sparen, statt eine Anschnallpflicht einzuführen. Als die Anschnallpflicht kam, war der Widerstand groß. Damals starben auf deutschen Straßen mehr als 20.000 Menschen pro Jahr. Heute sind es rund 90 Prozent weniger. Nicht weil wir die Unfallchirurgie billiger gemacht haben, sondern weil wir Verletzungen verhindert haben. Zur Erinnerung: Zur Einführung der Gurtpflicht titelten Medien treffend das damalige Lebensgefühl vieler Menschen: „Gefesselt ans Auto“. Aber kaum ein Politiker wollte das Thema aufmachen. Streecks „Anschnallpflicht-Moment für unser Gesundheitssystem“Aber genau diesen Anschnallpflicht-Moment braucht unser Gesundheitssystem. Jetzt! Ernstgemeinte, strukturelle Prävention mit Anreizen und klarer Steuerungswirkung. Weg von einem System, das erst reagiert, wenn Krankheit manifest ist. Hin zu einem System, das Risiken früh erkennt und konsequent reduziert, bevor Leid und Kosten entstehen. Das ist keine Vision für bessere Zeiten. Es ist eine Notwendigkeit. Nicht Prävention ist zu teuer. Zu teuer ist die Logik eines Systems, das Krankheit repariert, statt sie zu vermeiden. Ein präventionszentriertes Gesundheitssystem muss das Ziel sein. Erst dann bekommen Effizienzmaßnahmen, Strukturreformen und Finanzierungsentscheidungen eine gemeinsame Richtung.Gesundheit muss vom Menschen gedacht werden, nicht vom Abrechnungssystem. Sie entsteht nicht erst im Behandlungszimmer. Sie entsteht im Alltag. In Bildung, im Wohnumfeld, in der Arbeitswelt, in Mobilität und sozialer Stabilität. Wenn diese Lebensrealitäten krankmachen, steigen später die Ausgaben. Wenn sie Gesundheit fördern, sinken sie. Prävention bedeutet deshalb nicht mehr Staat, sondern bessere Ordnung. Strukturen, die früh ansetzen. Ein starkes Primärversorgungssystem ist kein Zusatzangebot. Es ist das operative Zentrum eines präventionsorientierten Systems. Es erkennt Risiken früh, steuert Versorgung und verhindert vermeidbare Komplikationen. Wer das ernst meint, verändert die Logik des gesamten Systems.Gesunde Lebensjahre sind nicht allein das Ergebnis guter Medizin. Sie entstehen dort, wo Politik über Ressortgrenzen hinweg Verantwortung übernimmt. Gesundheit wird in Schulen geprägt, in der Stadtplanung, in Arbeitsbedingungen und sozialer Stabilität. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von „Health in all policies“. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Gesundheit darf kein Randthema sein, sondern muss bei politischen Entscheidungen mitgedacht werden.Streeck fordert mehr Prävention – inklusive höherer TabaksteuerEntscheidend ist jedoch die Struktur des Systems. Solange sich wirtschaftlich lohnt, was spät behandelt wird, und nicht, was früh verhindert wird, bleiben wir in der Reparaturlogik gefangen. Wir brauchen ein System, in dem sich Prävention auszahlt. Für die Versicherten. Für die Beitragszahler. Und für die Leistungserbringer.Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die Behandlung eines Gebärmutterhalskrebses kostet mehrere zehntausend Euro. Eine HPV-Impfung kostet rund 200 Euro. Länder mit konsequenter Impfstrategie wie Australien, Schweden oder das Vereinigte Königreich verzeichnen Rückgänge schwerer Krebsvorstufen und Erkrankungen von mehr als 80 Prozent. Australien steht kurz davor, Gebärmutterhalskrebs praktisch zu eliminieren. Das ist messbare Realität.Noch ein Beispiel: 131.000 Todesfälle jährlich sind die drastischste Folge des Rauchens. Hinzukommen volkswirtschaftliche Kosten von mindestens 100 Milliarden Euro. Wer ein solidarisches Gesundheitssystem will, muss das Verursacherprinzip umsetzen. Wer Kosten verursacht, muss angemessen zu ihrer Begrenzung beitragen. Die wirksamste und kosteneffizienteste Maßnahme für weniger Tabakkonsums ist weltweit eine höhere Tabaksteuer. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation führt eine Preiserhöhung um zehn Prozent zu etwa vier Prozent weniger Tabakkonsum in wohlhabenden Ländern. Besonders Jugendliche reagieren sensibel auf Preissteigerungen. Länder wie Australien oder Großbritannien zeigen, dass das nachhaltig funktioniert. Das ist evidenzbasierte Politik, keine Moralpredigt.Prävention ist politisch unbequem. Ihre Erfolge sind nicht spektakulär, sie erscheinen nicht im nächsten Quartal, sondern oft erst nach Jahren. Genau deshalb wird sie im politischen Alltag verdrängt. Nur ist das kurzsichtig. Wer Verantwortung für ein solidarisches Gesundheitssystem trägt, muss Prävention ins Zentrum stellen. Nicht als neue, gut gemeinte Hochglanz-Broschüre. Nicht als Aufklärungsprogramme. Nicht als Zusatzprogramm. Es muss die strategische Priorität sein. Investitionen in Prävention sind keine freiwillige Leistung, sondern Voraussetzung für Stabilität.Nur wenn wir Krankheiten systematisch verhindern, bleiben genügend Mittel für diejenigen, die trotz aller Vorsorge schwer erkranken oder verunfallen. Auch mit Sicherheitsgurt gibt es Unfälle. Aber wir akzeptieren keine Verkehrspolitik, die erst in der Notaufnahme beginnt. Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem zeichnet sich nicht dadurch aus, wie viel es repariert, sondern wie viel es verhindert. Die Mutter nachhaltiger Entlastung ist nicht die Kürzung. Sie ist die Prävention. (Hendrik Streeck)