
weser-kurier.de · Feb 23, 2026 · Collected from GDELT
Published: 20260223T190000Z
Interview mit Claudia Kemfert "Elektromobilität muss auch für Laternenparker funktionieren" Die Verkehrswende darf nicht vom Haustyp abhängen, sagt Claudia Kemfert. Die Energieökonomin hat sich die Situation für das Laden von E-Autos in Bremen angeschaut und gibt Tipps für das weitere Vorgehen. 23.02.2026, 05:00 Uhr Zur Merkliste Die Ladeinfrastruktur ist entscheidend für die Verkehrswende, sagt Claudia Kemfert. Oliver Betke Zur Person Die Energieökonomin Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Frau Kemfert, in Bremen hat ein Bürger eine Online-Petition gestartet, weil er einen Ladebordstein vor seinem Haus einrichten möchte, was in Bremen bislang kaum möglich ist. Viele E-Auto-Fahrer ohne eigenes Grundstück fühlen sich benachteiligt. Welche Rolle spielt die Ladeinfrastruktur für das Gelingen der Antriebs- und Verkehrswende? Die Ladeinfrastruktur ist entscheidend. Wer ein Haus mit Garage hat, kann sein Auto bequem zu Hause laden. Wer zur Miete wohnt und auf der Straße parkt, ist auf öffentliche Ladepunkte angewiesen. Wenn es dort zu wenige gibt, entsteht schnell das Gefühl: Die Verkehrswende ist nur etwas für Eigenheimbesitzer. Genau das darf nicht passieren. Elektromobilität muss auch für Laternenparker funktionieren. Deutschland hat beim Ausbau zwar Fortschritte gemacht, besonders bei Schnellladern. Aber es geht heute weniger um die Gesamtzahl, sondern darum, wo die Ladepunkte stehen, also um eine faire Verteilung in den Quartieren. Ist es wichtig, dass Kommunen bei Art, Anzahl und Verteilung der Ladepunkte steuernd eingreifen? Ja, unbedingt. Der öffentliche Raum ist begrenzt, und wenn man alles dem Markt überlässt, entstehen Ladepunkte vor allem dort, wo sie am meisten Gewinn versprechen. Das deckt sich nicht immer mit dem tatsächlichen Bedarf. Kommunen müssen daher schauen: Wo wohnen viele Menschen ohne private Lademöglichkeit? Wo fehlen Angebote? Das ist ganz normale Stadtplanung und sorgt dafür, dass die Verkehrswende nicht zur sozialen Frage wird. Wie kann das sinnvoll aussehen? Gibt es Positivbeispiele? Sinnvoll ist ein klares Konzept statt Einzelentscheidungen. Städte wie Amsterdam oder Oslo planen systematisch und datenbasiert. Sie kombinieren Quartierslader in Wohngebieten mit Schnellladern an wichtigen Verkehrsachsen. So entsteht ein Netz, kein Flickenteppich. Wichtig sind außerdem transparente Preise und ein einfacher Zugang. Laden muss unkompliziert sein, sonst schreckt es Menschen ab. Was machen andere Länder anders – und was kann man lernen? Norwegen hat früh deutlich gemacht: Die Zukunft ist elektrisch. Diese Klarheit hat Investitionen ausgelöst und Planungssicherheit geschaffen. Die Niederlande setzen stark auf kommunale Koordination und Wettbewerb zwischen mehreren Anbietern. So bleibt der Markt dynamisch, ohne unübersichtlich zu werden. Die wichtigste Lehre: Klare Ziele und verlässliche Regeln helfen allen Beteiligten. In Bremen soll eine Ausschreibung mit fünf sogenannten Bündeln und mehreren Suchradien kommen. Einzellösungen soll es nicht mehr geben. Was halten Sie davon? Eine strukturierte Ausschreibung ist grundsätzlich sinnvoll. Der öffentliche Raum kann nicht nach dem Motto "Wer zuerst kommt, bekommt den Zuschlag" vergeben werden. Bündel können helfen, die Ladepunkte gleichmäßig über die Stadt zu verteilen und nur lukrative Standorte zu vermeiden. Wichtig ist aber, dass mehrere Anbieter zum Zug kommen und Wettbewerb erhalten bleibt. Wenn das gelingt, kann dieses Modell Versorgungssicherheit und Fairness gut verbinden. Was ist Ihr Fazit für Bremen? Die Petition zeigt: Das Thema bewegt die Menschen. Jetzt kommt es darauf an, Ladeinfrastruktur klug und gerecht zu planen. Die Verkehrswende darf nicht vom Haustyp abhängen. Wenn Ladepunkte dort entstehen, wo sie wirklich gebraucht werden, kann Bremen einen wichtigen Schritt Richtung klimafreundliche und faire Mobilität gehen. Das Gespräch führte Steffen Peschges. Zur Startseite Mehr zum Thema