
spektrum.de · Feb 26, 2026 · Collected from GDELT
Published: 20260226T121500Z
Die Anzahl der Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen befindet sich auf einem Rekordniveau. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Führungskraft eine Person im Team hat, die mental stark belastet ist, ist demnach ziemlich groß. Die Unsicherheit im Umgang damit aber auch. Eine Leseprobe © DjelicS / Getty Images / E+ (Symbolbild mit Fotomodell) (Ausschnitt) Mentale Belastungen: das unsichtbare GepäckJeder Mensch bringt ein mehr oder weniger schweres Gepäck mit an den Arbeitsplatz, die Situationen für mentale Belastungen können vielfältig sein: eine Trennung, ein Einbruch zu Hause, ein Autounfall, Konflikte in der Familie oder am Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen, eine schwere Krankheit oder der Verlust einer nahestehenden Person, ein unerfüllter Kinderwunsch, die Sorge über die sich immer schneller verändernde Welt. Manche haben Angst davor, eine Präsentation zu halten, einige mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Andere wiederum sind enttäuscht über die nicht erfolgte, jedoch erwartete Beförderung, manche haben Zeitdruck und einen hohen Anspruch an die eigene Leistung. Mentale Belastungen können vielfältig sein. Manch mentale Belastung wird zu einer ernsten psychischen Erkrankung. Doch während viele körperliche Erkrankungen meist sichtbar sind, bleiben mentale Belastungen und psychische Erkrankungen häufig unsichtbar im Verborgenen. Man spricht nicht darüber. Psychische Erkrankungen sind jedoch weit verbreitet. In Deutschland ist mehr als jeder Vierte von einer psychischen Erkrankung betroffen (rund 28 Prozent). Diese Zahl wurde in einer sehr aufwendigen Studie, durchgeführt von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie (DGPPN) im Auftrag des Robert-Koch- Instituts (RKI), ermittelt. Hierfür wurde eine repräsentative Stichprobe von Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren von 2008 bis 2011 im Rahmen der DEGS1-Studie (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland) in umfangreichen diagnostischen Interviews befragt.Im Jahr des Studienendes waren laut dem Ergebnis 17,8 Millionen Menschen psychisch erkrankt. Das entspricht etwa der gesamten Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen, unserem bevölkerungsreichsten Bundesland. Die beiden häufigsten psychischen Störungen sind die Angststörungen mit 15,4 Prozent und die sogenannten affektiven Störungen (Depressionen) mit 9,8 Prozent. Aufschlussreich sind auch die Zahlen der Krankschreibungen der einzelnen Krankenkassen. Diese veröffentlichen regelmäßig, wie viele ihrer Versicherten wegen psychischer Erkrankungen von ihrem Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) bekommen haben. Laut des DAK-Psychreport 2025 waren wie schon in dem Jahr zuvor psychische Erkrankungen die dritthäufigste Ursache für Krankschreibungen. Etwas höher lagen nur Muskel-Skelett-Erkrankungen (an zweiter Stelle) und Erkrankungen des Atmungssystems (mit den häufigsten Krankschreibungen).Bei den psychischen Erkrankungen wurden die meisten wegen Depressionen krankgeschrieben. Zugenommen haben im Jahr 2024 insbesondere kürzere Ausfallzeiten, die Anzahl längerer Krankschreibungen (mehr als 42 Tage) ging zurück. Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen war auch bei jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern recht hoch. Es wird vermutet, dass sich in der Gruppe mit den Muskel-Skelett-Erkrankungen Versicherte befinden, die eigentlich eine psychische Erkrankung haben, da sich diese manchmal zusätzlich in Rückenbeschwerden zeigen können. Bildlich gesprochen drückt häufig gerade das unsichtbare Gepäck auf unser Kreuz. Und man muss bedenken: Das ist die Anzahl der Krankschreibungen. Nicht alle, die psychisch erkrankt sind, suchen überhaupt einen Arzt auf. Aber auch nicht alle sind arbeitsunfähig. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dem eigenen Umfeld mental belastet oder psychisch erkrankt ist, ist demnach recht hoch. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass jeder im Laufe seines Lebens mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert wird. Entweder als Angehöriger, als Freund, als Kollege oder als selbst Erkrankter.Damit wird immer deutlicher, dass Führungskräfte dem Thema mentale Belastung und psychische Erkrankung kaum aus dem Weg gehen können, und sich auch im beruflichen Kontext damit auseinandersetzen sollten. Doch mit der Zunahme der mentalen Belastungen und psychischen Erkrankungen steigt nicht automatisch unser Wissen darüber. Im Gegenteil: Es gibt viele Mythen und falsche Annahmen, die wir über mentale Belastungen und psychische Erkrankungen haben. Im Umgang damit steht auf beiden Seiten – auf der der Betroffenen und der des Umfeldes – jeweils ein schwerer Rucksack aus Unsicherheit und Angst. Doch keiner sieht das Gepäck des anderen. Und so entsteht ein Teufelskreis aus wechselseitiger Verunsicherung, falschen Annahmen und Sprachlosigkeit: Wenn wir vermuten, dass jemand psychisch erkrankt ist, wenn wir vielleicht Anzeichen wahrgenommen haben oder sogar eine Diagnose kennen, fühlen wir uns unsicher, wie und ob wir dies ansprechen sollen. Wir befürchten, dass wir, wenn wir jemanden auf seine Trauer, seine Depressionen, seine Ängste oder Burnout ansprechen, etwas falsch machen könnten. Außerdem haben wir auch Angst vor unseren eigenen Emotionen. So entsteht durch unsere eigene Unsicherheit und Angst eine Schwere, die uns Energie kosten kann. Doch Unsicherheit und Ängste sind auch auf der Seite der Betroffenen: Auch sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Aus Scham und Angst vor beruflichen Nachteilen versuchen viele, ihre Erkrankung zu verbergen. Diese Geheimhaltung, so tun zu müssen als sei nichts, obwohl man krank ist, erfordert zusätzliche Kraft. Kraft, die die Betroffenen oft gar nicht mehr haben. Und damit wird das Gepäck auch auf ihrer Seite immer schwerer. In einer Studie gaben 64 Prozent der Personen, die unter einer Depression leiden, an, im Arbeitsumfeld nicht darüber zu sprechen. Damit nehmen sie sich die Chance, dass sie Hilfe bekommen. Und so trägt jeder ein unsichtbares Gepäck mit sich herum: die Betroffenen, weil sie zusätzlich zu ihrer psychischen Belastung noch Kraft aufwenden müssen, um ihre Erkrankung vor den anderen zu verbergen; und die Führungskraft und das Team, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Mitarbeiter mit einer mentalen Belastung umgehen sollen. Das Ignorieren des unsichtbaren Gepäcks verschlimmert aber die Situation und hat auch Auswirkungen auf die Arbeitsatmosphäre.Für körperliche Notfälle gibt es in vielen Unternehmen Erste-Hilfe-Kurse. Ab einer gewissen Größe müssen Unternehmen, öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten, Behörden oder auch Sportvereine über ausgebildete Ersthelfer verfügen, die bei diesen Notfällen zum Einsatz kommen: Sie lernen, wie man jemanden wiederbelebt, wie eine stabile Seitenlage funktioniert, wie man einen Defibrillator bedient und wie man eine blutende Wunde stillt. Wenn eine Person aus unserem Team körperlich erkrankt, wissen wir häufig, was zu tun ist, wir kennen das Gepäck und versuchen, dem Betroffenen etwas Gutes zu tun: Wir wünschen gute Besserung, bedauern denjenigen und schicken je nach Schwere vielleicht noch eine Karte. Wenn die Person dann gesund ist, ist die Erkrankung schnell vergessen. Aber was ist bei seelischen »Wunden«? Über mentale Erste Hilfe wissen die meisten nichts. Und so lassen wir Menschen mit psychischen Erkrankungen meist aus Unsicherheit allein. Führungskräfte können sehr viel tun, um einen hilfreichen Umgang mit dem Thema mentale Belastungen und psychische Erkrankungen im Unternehmen zu fördern und auch einer Stigmatisierung entgegenzuwirken oder vorzubeugen. Das Unsichtbare sichtbar zu machen, hilft allen Seiten: dem Unternehmen, dem Team und den Betroffenen. Denn je früher psychische Veränderungen erkannt werden, desto früher kann man etwas dagegen tun. Und umso weniger wahrscheinlich ist die Entstehung oder Chronifizierung einer Beeinträchtigung. Eine neue Studie konnte zeigen, dass früh angesetzte Interventionen schon bei ersten Warnsignalen und Symptomen die Entstehung einer Depression verhindern konnten. So können auch Unternehmen zur Prävention von psychischen Erkrankungen beitragen. Viele Gemeinsamkeiten bei körperlichen und psychischen ErkrankungenEs wäre für alle Seiten hilfreich, wenn psychische Erkrankungen dabei denselben Stellenwert bekämen wie körperliche. Denn oftmals sind mentale Belastungen auch nicht anders als körperliche Erkrankungen: Manche körperlichen Erkrankungen heilen von allein, ohne dass man etwas tut. So ist es zuweilen bei psychischen Erkrankungen auch, wie zum Beispiel manchmal bei leichten Depressionen. Bei manchen körperlichen Erkrankungen benötigt man etwas Unterstützung, um sie zu heilen. Rückenschmerzen kann man eventuell mit Krankengymnastik oder durch Reduzierung des Gewichts entgegenwirken und so nach einer Weile wieder beschwerdefrei leben. So ist es bei psychischen Erkrankungen auch. Bei manchen Depressionen oder Angststörungen ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu holen. Wenn man beispielsweise in einer Therapie die aufrechterhaltenden Bedingungen versteht, lernt, was man dagegen tun kann und das Gelernte dann im Alltag umsetzt, können die Depressionen und Angststörungen geheilt werden. Die Chancen dafür sind sehr gut.Manche körperlichen Erkrankungen werden chronisch, doch man kann sehr gut damit leben, wenn man bestimmte Dinge beachtet. Genau so ist es bei manchen psychischen Erkrankungen auch. Und es gibt aber auch schwere psychische Erkrankungen, genauso wie körperliche. Festzuhalten ist: Psychische Erkrankungen sind genauso unterschiedlich wie körperliche und man sollte sie differenziert betrachten. Die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen kehren nach Therapie und Stabilisierung vollständig in ihren Arbeitsalltag zurück. Doch der Unterschied findet oft in unseren Köpfen statt.: Wenn ein Mitarbeiter einen Arm gebrochen hat, wird selten davon ausgegangen, dass er anschließend nicht mehr belastbar ist. Die Erwartung ist klar: Nach der Heilung kann er seine