
taz.de · Feb 22, 2026 · Collected from GDELT
Published: 20260222T131500Z
Vizekanzler, Bundesfinanzminister und SPD-Chef: kaum ein Politiker ist so mächtig wie Lars Klingbeil. Wie tickt er? Und wie sehen Parteifreunde ihn? D er Neujahrsempfang der SPD-Walsrode findet in einem Restaurant im Gewerbegebiet statt. Es gibt Schnittchen und Kaffee, ein Gitarrist spielt Pop-Hits aus den letzten 50 Jahren. Es ist Sonntagvormittag, Ende Januar. Lars Klingbeil erscheint pünktlich um 11 Uhr mit seinem Jungslächeln. Er schüttelt Hände, man freut und begrüßt sich. Alles wirkt sehr lässig. Klingbeil trägt ein leicht verknittertes weißes Hemd. In seiner Rede sagt er dreimal „Heimat“. Heimat ist, wo man verknitterte Hemden tragen darf. Walsrode ist nicht reich und nicht arm, nicht schön und nicht spektakulär hässlich. Steakhouse und Fahrschule, verklinkerte Einfamilienhäuser, Pizzeria. Sparkasse. Wenig Leerstand, durchschnittliche Arbeitslosenquote, 30.000 EinwohnerInnen. Walsrode ist niedersächsische Provinz, westdeutsch und „normal“. Lars Klingbeil hat hier sein Wahlkreisbüro. Neben KiK, Amtsgericht und Thaimassagesalon. Aufgewachsen ist er in Munster, 40 Kilometer von hier. Der Vater war Soldat, die Mutter Verkäuferin. Berlin, die Metropole, sagt Klingbeil, nehme sich zu wichtig. „60 Prozent der Deutschen wohnen nicht in Großstädten“, sondern in Orten wie Walsrode. Bei Merz klingen „Kreuzberg ist nicht Deutschland“-Parolen nach grimmigem Kulturkampf. Bei Klingbeil nicht. Er klingt sowieso selten grimmig. Und für Kulturkampf hat er nichts übrig. Klingbeil spielt in seiner Freizeit Gitarre, macht Kickboxen und Crossfit, liebt Bayern München und schaut auf Dazn Fußball. Er sagt von sich, man solle ihn lieber nach Songs als nach Büchern fragen. Vielleicht ist Klingbeil wie Walsrode. Der nette Lars kann auch Machiavelli Jetzt ist er Vizekanzler, Finanzminister, SPD-Vorsitzender, und das mit erst 48 Jahren. Dabei war Klingbeil als Co-Parteichef mitverantwortlich für den Absturz der SPD bei der Wahl 2025. 16,4 Prozent – das mieseste Wahlergebnis der Sozialdemokraten seit 1887. Trotzdem besetzte der Mann mit dem netten Lächeln noch in der Wahlnacht ungerührt das Machtzentrum der SPD, verhandelte den Koalitionsvertrag mit der Union und schickte eine ganze SPD-MinisterInnenriege in den Vorruhestand. Wenn es darauf ankommt, kann der nette Lars auch Machiavelli. „Es gab damals machtpolitisch keine Alternative, die funktioniert hätte“, sagt der Politikwissenschaftler und Sozialdemokrat Wolfgang Schroeder. Ohne Klingbeils Griff nach der Macht hätte sich die Partei womöglich in internen Scharmützeln aufgerieben. Jetzt ist Klingbeil der zweitmächtigste Mann hinter Friedrich Merz und duzt den Kanzler. Dass Klingbeil unbedingt Vizekanzler und SPD-Vorsitzender werden musste, sahen jedoch viele GenossInnen skeptisch. Nur zwei Drittel wählten ihn 2025 zum Parteichef, ein spektakulär miserables Ergebnis. Obwohl er danach tapfer erklärte, man müsse nun nach „vorne gehen“ – die Misstrauenserklärung der Partei traf ihn ins Mark. „Lars ist ein Machtmotor unter der Karosserie des netten Schwiegersohns“, sagt einer, der eng mit ihm zusammengearbeitet hat. Daran sei nichts falsch, aber man wüsste gern, wohin die Maschine fährt. Wahrscheinlich wüssten das viele Menschen nicht – sonst stünde die SPD ja nicht bei 15 Prozent. „Er war damals als Linker verschrien“ „Machtmotor“, das mutet derzeit fast hochstaplerisch an. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sind die Sozialdemokraten im Wettstreit um die Staatskanzlei chancenlos, in Sachsen-Anhalt könnten sie im September sogar aus dem Landtag fliegen. In Mecklenburg-Vorpommern liegt derzeit die AfD klar vorn, in Berlin die Linkspartei. Bleibt Rheinland-Pfalz. Dort regiert die SPD seit 35 Jahren. Verliert sie dort im März die Wahl, kann es auch für Klingbeil ungemütlich werden. In der niedersächsischen Provinz hat Klingbeil gelernt, wie Politik funktioniert. Als Schülersprecher setzte er sich für eine Busverbindung ein, damit die Jugendlichen am Wochenende von der Disko zurück nach Hause kommen. 2005, mit Mitte 20, war er kurz im Bundestag, 2009 begann in Berlin sein Aufstieg. 2017 wurde er Generalsekretär, 2021 Co-Parteivorsitzender. Michael Lebid, groß, graue Haare, Altbürgermeister und Rentner, sagt in Walsrode: „Lars ist damals nur in den Bundestag gekommen, weil ich Nein gesagt habe.“ Lebid war SPD-Bürgermeister im benachbarten Bomlitz und vor die Wahl gestellt – Bundestagskandidatur oder Bürgermeister – entschied er sich, vielleicht nicht untypisch für diese Gegend, für Bomlitz. Klingbeil war damals noch Juso, trug ein Augenbrauenpiercing und machte Rockmusik. Im Heidekreis „war er damals als Linker verschrien“, sagt Lebid. Aber das war ein Irrtum. „Lars war immer Realpolitiker.“ Auf einem Transparent, das hier im Walsroder Restaurant an der Empore hängt, steht: „Aus Liebe zum Heidekreis“. Der SPD-Landratskandidat sagt aufgekratzt: „Auch wenn du mit der schwarzen Limousine kommst, du bist unser Lars.“ Wenn Lars Klingbeil sich hier nicht gut fühlt, dann nirgendwo. Pragmatismus hat er im Heidekreis gelernt: SPD-Chef Klingbeil beim Neujahrsempfang in Walsrode Foto: Johannes Düselder Er fühlt sich gut. Knapp 300 Leute sind da. Nicht nur GenossInnen, sondern auch UnternehmerInnen und ein Sparkassendirektor, die Feuerwehr, das THW und die CDU. Am Ende wird Geld für Profamilia gesammelt. Die „krasse Öffnung“ des Neujahrsempfangs, sagt Klingbeil, war seine Idee – weg von der SPD-Parteiveranstaltung, auf in die gesellschaftliche Mitte. Er ist stolz darauf. Kleine Dinge, die funktionieren. Vielleicht versteht man Klingbeil und wie er die Welt sieht besser, wenn man Walsrode kennt. Dazu gehört auch, viele mitzunehmen wie Aynur Colpan, 34, Co-Chefin der SPD im Heidekreis. Klingbeil ermunterte sie 2020: „Mach das doch.“ Sie wurde seine Nachfolgerin und ist auch Bürgermeisterin in Buchholz an der Aller – die erste Bürgermeisterin mit jesidischen Wurzeln bundesweit. Die Idee, Jüngere zu fördern, kam Klingbeil eben nicht erst in Berlin, als er die alte SPD-Garde nach der Wahl 2025 abservierte. Der Heidekreis war lange in CDU-Hand. Bis Klingbeil kam. Er gewann den Wahlkreis, auch gegen den Bundestrend. Seit 2009 bekam er bei Bundestagswahlen immer viel mehr Stimmen als seine Partei. 2025 wählten ihn im Heidekreis 42 Prozent, die SPD nur 25. Warum ist das so? Andre Lüdemann, parteiloser Bürgermeister in Visselhövede, liest die konservative Welt, ist ein Fan der Agenda 2010 und kennt Klingbeil seit Langem. „Lars schafft es, über die Parteigrenzen hinweg als angenehm wahrgenommen zu werden“, sagt Lüdemann. Vielleicht hat Klingbeil aus der SPD im Heidekreis einfach eine bessere CDU gemacht. Wird der Klingbeil-Kurs für die SPD zum Risiko? Und – er kümmert sich. Das hört man von vielen in Walsrode. Auch von CDU-Leuten. Am Samstag vor dem Neujahrsempfang war Klingbeil fast den ganzen Tag in Rotenburg an der Wümme, um den SPD-Kommunalwahlkampf 2026 in Niedersachsen vorzubereiten – bemerkenswert für einen Vizekanzler. Er hat Bodenhaftung, etwas Kurt-Beck-haftes. Viele, die oben ankommen, legen sich einen unsichtbaren Kokon an, auf dem steht: Ich bin wichtig, du nicht. So ist Klingbeil eher nicht. Er will nicht als Machtmaschine gesehen werden, sondern als Repräsentant der normalen Leute. Auf sozialdemokratisch heißt das: der fleißigen, hart arbeitenden Mitte. Unter Klingbeils Führung will die SPD nicht mehr als Anwältin von BürgergeldempfängerInnen und Langzeitarbeitslosen gelten. Man wolle wieder Partei der Arbeit und nicht der Arbeitslosigkeit sein, so das Motto des Parteivorsitzenden. Norbert Walter-Borjans, Klingbeils Vorgänger in diesem Amt, hat Zweifel, ob das reicht. Er sagt: „Die SPD war immer dann stark, wenn sie es geschafft hat, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit zivilgesellschaftlichem Engagement – vom Umweltschutz über die Kultur, den Einsatz für Gleichberechtigung und die internationale Zusammenarbeit bis zu den Friedensinitiativen – zusammenzubringen.“ Klingbeils Fokus auf die „hart arbeitende Mitte“ greife zu kurz. Wenn alles andere zum nachrangigen Gedöns würde, wäre der Anspruch der linken Volkspartei und damit die Rolle eines mehrheitsfähigen Originals dahin. „Ich mache Politik für Leute, die 3.500 oder 4.000 Euro verdienen“ An Klingbeil kommt in der SPD derzeit niemand vorbei. Aber kann er die SPD wiederbeleben? Kann er die SPD in der Regierung mit der Union disziplinieren und gleichzeitig als Alternative zu dieser Union profilieren? Klingbeils Neujahrsansprache in Walsrode klingt wie erwartet – aufbauend. Man dürfe das Land nicht schlechtreden. Deutschland sei ein Rechtsstaat mit freien Medien. Wirtschaftskrise? Untergang des Westens? Putin? Alles wahr. „Aber wir kriegen das hin.“ Wenn „die vernünftigen Kräfte“, SPD und Union, Unternehmer, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen, dann wird das schon. wochentaz Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo. Das ist die politische Kernbotschaft. Alle zusammen, dann wird das schon. So kennt er es aus dem Heidekreis. Für Klingbeil ist die Welt kein Heidekreis im Großformat. Aber den Pragmatismus hat er hier gelernt. „Ich mache Politik für Leute, die 3.500 oder 4.000 Euro verdienen“, sagt er. Der Boden aber wankt auch in der niedersächsischen Provinz, der Alltagswelt der Autohäuser, Tankstellen, Industriejobs. In Walsrode malt Maike Bielfeldt, Geschäftsführerin der IHK in Niedersachsen, ein schwarzes Bild. Der Autoindustrie, dem Herz der Wirtschaft in Niedersachsen, gehe es mies. Das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel – katastrophal. Endlose Bürokratie. Und die SPD rede über Erbschaftsteuer, anstatt den Unternehmen zu helfen. Klingbeil holt sein Handy aus der Tasche und tippt etwas ein. „Der Herbst der Reform ist längst zum Krisenwinter geworden“, sagt die Frau von